'Farbklang' – Musik zum Video von P. Havermann und K.-H. Wenisch

Die Musik für das Video ‚Farbklänge‘ auf sechs Monitoren ist eine Klavier-Klangcollage, gespielt und aufgenommen auf meinem Bechstein-Flügel. Ausgangspunkt und Zentrum der Musik ist die Nocturne Opus 9, Nr. 1 in B-Moll von Frédéric Chopin.

15. Jul 2019

Chopins Nocturne, mit seiner äußerst beseelten Melodie über einer fließenden Achtelbewegung im 6/4-Takt, ist ein Inbegriff der „romantischen Klaviermusik“. Es verkörpert die klassischen Wurzeln der Malerei Paul Havermanns und wird – wie die Bilder im Video – im Verlauf isoliert, verändert und schließlich wiederholt.

Ich habe der Nocturne sechs verschiedene Themenblöcke voran- bzw. entgegengestellt. Ein eher hartes Anschlagen der Saiten des Flügels mit dem Holzschlegel (1) und eine Gruppe von 6 Achtelnoten in einem Quint-Quart-Klang (2) eröffnen die abstrakte Farbwelt am Anfang des Videos und sind dem Einstimmen eines Orchesters nachempfunden. Im Hintergrund wird immer deutlicher die Nocturne hörbar, die mit dem Auftreten der konkreten Bilder Havermanns in den Vordergrund rückt und die erst subtilen, dann immer heftigeren Farbveränderungen der Bilder untermalt. Die Schlusstakte Chopins bilden gleichzeitig mein drittes Motiv: der endlich strahlende B-Dur-Akkord mit Bewegung zur Moll-Sexte (3) wird isoliert und variiert. Zu dem Akkordmotiv kombiniere ich wieder Motiv 2 in fließender Bewegung. Mit Einsetzen der erst horizontalen, dann auch diagonalen Verschiebung der Bilder beginnt mein Hauptmotiv, eine Art Tango in 14/16-Takt in B-Moll und Blues-Schema (4). Doch dessen spielerische Leichtigkeit währt nicht lange, denn das Video schwenkt zurück zu der abstrakten Farbwelt des Anfangs: Der Tango rückt in den Hintergrund und darüber breiten sich sphärische, mit weichen Paukenschlegeln gespielte Klänge (5) aus, die sich durch Überlagerungen – wieder mit Motiv 2, diesmal in zwei verschiedenen Tempi – steigern und wieder auflösen. Mit Wiederauftauchen der Malerei im Video beginnt Chopins Nocturne von Neuem, und auch der Tango wird wiederholt. Das Ende des Stückes bildet ein sich verlierender, rollender Klang (6), gespielt mit Gummischlegeln hinter der Saitenaufhängung, ganz hinten im Flügel.
(Florian Malecki, Mai 2019)